| !SING DAY OF SONG |
Singen oder singen lassen?Diese Frage stellte sich am 5. Juni 2010, dem Day of Song, beinahe im ganzen Ruhrgebiet. Beim Steigerlied und "Komm zur Ruhr" zeigte sich: Die Masse machts und das Motto "Jeder kann singen" entpuppte sich als Weisheit - irgendwie. Von all den Blockbuster-Events im Kulturhauptstadtjahr erschien dieser Singsangtag mit dem Ausrufezeichen vor dem Namen irgendwie komisch. Da gab es 600 Veranstaltungen mit Aufführungen von Chören, ein nächtliches Konzert im ehemaligen Gasdruckbehälter, eine Sonnenaufgangs- veranstaltung zur nicht unbedingt musikalischen Uhrzeit, ein kollektives Singen an zentralen Orten in den Revierstädten nach außerplanmäßigem Glockenschlag und den Höhepunkt in der Veltins Arena, ein "gigantisches Klangerlebnis" mit echten Weltstars unter der Leitung von Steven Sloane, der schon eine Woche zuvor nicht mehr schlafen konnte. Der kritische Ruhrstädter, was das Singen in der Öffentlichkeit betrifft, wurde von der !SING-Aktion dann aber doch überrascht. Denn: Wenn alle singen, klingt's dann doch ganz toll. Außerdem nicht zu unterschätzen war der im Vorfeld nicht zu kalkulierende Faktor Wetter und bei strahlendem Sonnenschein und heißen Temperaturen zeigte sich, dass gute Laune beim Singen unterstützend wirken kann. Und so waren Ruhrstädter wie 2010-Touristen vor allem am Samstag des langen Wochenendes unterwegs in den !SING CITYS, die im dicken !SING-Liederbuch zusammengetragenen Stücke gemeinsam mit den angetretenen Chören anzustimmen. Doch nicht nur in den Städten von Bergkamen bis Wesel waren Stücke wie "Glück auf, Glück auf", "Hungriges Herz", "Let it be" und natürlich Grönemeyers "Komm zur Ruhr" der Hit. Wenn es heißt "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder" wird aus einem Schiffskanal kurzerhand ein Chor kanal: 13 Schiffe legten aus den Revierhäfen Duisburg, Datteln und Waltrop ab und eroberten mit ihren singenden Passagieren das Ruhrgebiet. Mehr Ruhrgebiet ging nicht In Waltrop war schon lange vor dem "Leinen los"-Kommando mächtig was los. Da stimmten allen voran der wunderbare Chor der Willy-Brandt-Gesamtschule und der Ruhrgebietschor Hömma fröhliche Lieder über das Seefahrerleben an, sang man sich warm für die musikalische Fahrt auf dem Rhein-Herne-Kanal. Die historische Dieselbarkasse Herbert von 1923 fuhr mit seiner singesfreudigen Fracht mit. Auf der stattlichen Henrichenburg gingen die Schülerinnen und Schüler der Willy-Brand-Gesamtschule an Bord, gefolgt von der Santa Monika I mit den Sängerinnen und Sängern von Hömma. Multikulti-kurios und wohl nur im Kulturhauptstadtjahr möglich: An der Bord der Rheinfels aus Duisburg ließen sich 100 BVB-Fans aus Dortmund zur Schalke-Arena in Gelsenkirchen schippern. Angeführt wurde der Korso aber vom kohlegefeuerten und deshalb mächtig dampfenden Schlepper Cerberus aus dem Jahr 1930. Hier hatte sich ein ganz besonderer Chor zusammen gefunden: Journalisten von der WAZ bis zur ZEIT griffen zum Textbuch und ergriffen unter Anleitung der Chorleiterin Claudia Rübben-Laux ihre Stimme. Mit hohem Lichtschutzfaktor auf der Haut lernten die Profis des gedruckten Wortes, wie es sich doch viel besser singen lässt, wenn der Mund mindestens drei Finger breit geöffnet wird. Das Steigerlied hatten sie im Vorfeld vielleicht noch geübt und auch der Kanon-Klassiker "Hejo, spann den Wagen an" ließ sich schon beim zeiten Versuch hören. Aber dann überraschte Claudia Rübben-Laux mit Songs wie dem Ghanaischen "Wasma Ajelile" und verlangte von den singenden Journalisten einiges Talent und Rhythmusgefühl. Auch hier zeigte sich, "Jeder kann singen" - irgendwie zumindest. Vorbei am Grün des Ruhrgebiets, den Hafenkränen und den winkenden Schaulustigen am Ufer des Kanals, wurde es dann in der Schleuse Herne-Ost beinahe surreal: In der Tiefe der Schleuse war der Glockenschlag um 12 Uhr nicht zu hören. Den Startschuss zum kollektiven Singen 10 Minuten später gab hier das schlecht sendende Handyradio. Und so stimmte man auch hier gemeinsam mit allen anderen Sängerinnen und Sängern in den Städten dieselben Stücke an. Nur gut, dass auf der neben der Cerberus liegenden Herbert ein Schifferklavier die Melodie von "Komm zur Ruhr" vorgab. Die Sinfonien der (Groß-)Städte hatte man zwar verpasst, dafür eine gute Portion Revierkult getankt. Weiter ging die Fahrt bis zum ebenfalls klingenden Stadthafen in Recklinghausen-Süd, wo das Hafenfest mit Gesängen eines Shantychores den Schiffskorso begrüßte. Bilder von Sängern, Schiffen und Schaulustigen am Kanal gibt es in unserer Fotogalerie ... Gänsehaut pur beim Finale auf Schalke Hatte man bis hierher schon eine Menge gehört oder auch eben selbst gesungen, war das erst das Warm Up für ein Event der Superlative. Zum Finale des !SING Day of Song in der VELTINS-Arena in Gelsenkirchen war das Stadion voll besetzt. Unter dem mitreißenden Dirigat von Steven Sloane, der auf Schalke mit Standing Ovations und La Olas gefeiert wurde, ging es zweieinhalb Stunden querfeldein durch die Musikgeschichte - von den Beatles über Beethoven bis zu Zigeunerchor und Habanera, raumgreifend bis unter die Stadionspitzen dank Operndiva Vesselina Kasarova, vom Volkslied über Grönemeyer-Hymne bis zum Ave Maria. Und natürlich durfte auch hier schon wieder das Steigerlied nicht fehlen. "Als Sohn eines Kirchenchors empfand ich das Ave Maria bisher immer als Inbegriff von Kitsch", sagte Oliver Scheytt. "Aber als Bobby McFerrin die erste Stimme sang und das gesamte Stadion die zweite, da wusste ich: Das war die schönste Version, die ich jemals gehört habe." Schlicht sprachlos blieb Steven Sloane: "Das war eine grandiose Leistung von allen Beteiligten." Beteiligt waren nicht nur die 8.000 Sängerinnen und Sänger in den Spielfeldchören sowie das inbrünstige Publikum. Auch die Gäste des Abends zeigten sich beeindruckt: "Wir sind stolz, Teil dieser einzigartigen Atmosphäre gewesen sein zu dürfen", so Steven Kolacny vom belgischen Mädchenchor Scala & Kolacny Brothers. Die Wise Guys befanden: "So etwas haben wir noch nie erlebt! Wie so viele Menschen zusammen so viel Emotion ausdrücken können, das war einmalig." Oder um mit Moderatorin Catherine Vogel zu sprechen: "Gänsehaut pur." Und einer konnte es auch nach dem letzten Takt noch immer nicht so recht glauben: Bobby McFerrin. "Es ist wundervoll. Vollkommen fremde Menschen kommen zusammen und singen. Vor einem Jahr, als Steven Sloane mir von der Idee erzählte, hatte ich so meine Zweifel. Ich habe noch nie mit über 60.000 Menschen zusammen gesungen", sagte der amerikanische Vokalartist. "Aber ich muss sagen: Ihr habt's echt durchgezogen." |



Von all den Blockbuster-Events im Kulturhauptstadtjahr erschien dieser Singsangtag mit dem Ausrufezeichen vor dem Namen irgendwie komisch. Da gab es 600 Veranstaltungen mit Aufführungen von Chören, ein nächtliches Konzert im ehemaligen Gasdruckbehälter, eine Sonnenaufgangs- veranstaltung zur nicht unbedingt musikalischen Uhrzeit, ein kollektives Singen an zentralen Orten in den Revierstädten nach außerplanmäßigem Glockenschlag und den Höhepunkt in der Veltins Arena, ein "gigantisches Klangerlebnis" mit echten Weltstars unter der Leitung von Steven Sloane, der schon eine Woche zuvor nicht mehr schlafen konnte. Der kritische Ruhrstädter, was das Singen in der Öffentlichkeit betrifft, wurde von der !SING-Aktion dann aber doch überrascht. Denn: Wenn alle singen, klingt's dann doch ganz toll. Außerdem nicht zu unterschätzen war der im Vorfeld nicht zu kalkulierende Faktor Wetter und bei strahlendem Sonnenschein und heißen Temperaturen zeigte sich, dass gute Laune beim Singen unterstützend wirken kann.
In Waltrop war schon lange vor dem "Leinen los"-Kommando mächtig was los. Da stimmten allen voran der wunderbare Chor der Willy-Brandt-Gesamtschule und der Ruhrgebietschor Hömma fröhliche Lieder über das Seefahrerleben an, sang man sich warm für die musikalische Fahrt auf dem Rhein-Herne-Kanal. Die historische Dieselbarkasse Herbert von 1923 fuhr mit seiner singesfreudigen Fracht mit. Auf der stattlichen Henrichenburg gingen die Schülerinnen und Schüler der Willy-Brand-Gesamtschule an Bord, gefolgt von der Santa Monika I mit den Sängerinnen und Sängern von Hömma. Multikulti-kurios und wohl nur im Kulturhauptstadtjahr möglich: An der Bord der Rheinfels aus Duisburg ließen sich 100 BVB-Fans aus Dortmund zur Schalke-Arena in Gelsenkirchen schippern.
Hatte man bis hierher schon eine Menge gehört oder auch eben selbst gesungen, war das erst das Warm Up für ein Event der Superlative. Zum Finale des !SING Day of Song in der VELTINS-Arena in Gelsenkirchen war das Stadion voll besetzt. Unter dem mitreißenden Dirigat von Steven Sloane, der auf Schalke mit Standing Ovations und La Olas gefeiert wurde, ging es zweieinhalb Stunden querfeldein durch die Musikgeschichte - von den Beatles über Beethoven bis zu Zigeunerchor und Habanera, raumgreifend bis unter die Stadionspitzen dank Operndiva Vesselina Kasarova, vom Volkslied über Grönemeyer-Hymne bis zum Ave Maria. Und natürlich durfte auch hier schon wieder das Steigerlied nicht fehlen. "Als Sohn eines Kirchenchors empfand ich das Ave Maria bisher immer als Inbegriff von Kitsch", sagte Oliver Scheytt. "Aber als Bobby McFerrin die erste Stimme sang und das gesamte Stadion die zweite, da wusste ich: Das war die schönste Version, die ich jemals gehört habe." Schlicht sprachlos blieb Steven Sloane: "Das war eine grandiose Leistung von allen Beteiligten."