HEISSE ZEITEN im Theater im Rathaus Essen
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"RUHRBLICKE"

"Das werden Kultobjekte".

Aus Zeitgeschehen wird Zeitgeschichte: Mit brandneuen Arbeiten von "ortskundigen"  Fotografen wie u. a. Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Struth, Laurenz Berges war die Essener Ausstellung "Ruhrblicke" ein echtes Highlight im Jahr 2010.

Genießt den Ruhrblick aus dem Sanaa-Gebäude: Laurenz Berges und  andere Stars der Fotoszene kamen zur Ausstellungseröffnung der  Ausstellung 'Ruhrblicke'.Das Revier ist Foto-City Nr. 1. Mit dem Projekt "Ruhrblicke" hatte Kurator Thomas Weski die bekanntesten (und teuersten) deutschen Vertreter der Fotografie beauftragt, bekannte und noch unbekannte Charakteristika des Ruhrgebiets zu entdecken und abzulichten. Erst Ende 2008 wurden die ersten Gespräche mit den ehemaligen Becher-Schülern, Folkwang Schülern und anderen Künstlern geführt. "Bei dieser kurzen Produktionszeit war es wichtig, dass die Fotografen ortskundig waren", erklärte Weski. Die Stars der Fotoszene wurden für dieses ambitionierte Projekt "so wenig wie nötig betreut", die neu entstandenen Arbeiten, die es in die Schau im Sanaa-Kubus schafften, wurden allein von den Künstlern ausgewählt.
 
Mit dabei waren Bilder von Bernd und Hilla Becher, deren konzeptuelle Fotografie den Ausgangspunkt der "Ruhrblicke" darstellt, Laurenz Berges, Joachim Brohm, Hans-Peter Feldmann, Andreas Gursky, Jitka Hanzlová, Candida Höfer, Matthias Koch, Elisabeth Neudörfl, Jörg Sasse und Thomas Struth. Neben ihrer besonderen künstlerischen Qualifikation war eine Verbindung zum Ruhrgebiet – biografischer Art und/oder aus ihrem Werk heraus – Voraussetzung für die Einladung zum Projekt. So wurden Themen weiterentwickelt, andere Themen neu entdeckt. Die entstandenen Arbeiten reihen sich in die verschiedenen Oeuvre ein - und kommen wohl nie zum Stillstand, wenn man sah wie z. B. Laurenz Berges mit seiner kleinen Digitalknipse pausenlos fotografierte. Geadelt wurden die "Ruhrblicke" schon vor der Eröffnung im lichtdurchfluteten Sanaa-Gebäude: Bis auf Hilla Becher waren die teilnehmenden Künstler zur Pressekonferenz anwesend und sogar Andreas Gursky, dessen Bild "Dortmund", ein detailreicher Traum in schwarzgelb, nicht nur Fritz Pleitgen begeisterte, hatte sich an diesem Freitagnachmittag durch die Staus im Revier nach Essen gekämpft.
 
Die Ausstellungsarchitektur im Essener Sanaa-Gebäude, in dem seit Anfang des Jahres die Folkwang Universität der Künste residiert, erlaubte es, die Arbeiten jedes Fotografen für sich zu betrachten. Gleichzeitig waren Verbindungen der Revierbilder zueinander erkennbar. Auch der Ausstellungsraum selbst wurde zur Schau - die großen Fenster werden zu Bilderrahmen der Arbeitersiedlung und der Fördertürme des Weltkulturerbes.
 
Traditionelle und moderne Dokumentarfotografie
Matthias Koch: Schlacke-Abschüttung bei Thyssen, Duisburg, 2010    C-Print 125 x 181 cm Copyright: Matthias Koch, 2010In der Geschichte der dokumentarischen Fotografie gibt es eine lange Tradition, Fotografinnen und Fotografen zu beauftragen, sich mit bestimmten Aspekten sozialer Wirklichkeit zu befassen. Mit dem Fotoprojekt der Farm Security Administration wurde ab Mitte der 1930er Jahre in den USA der Versuch unternommen, die Regierungspolitik von Theodore Roosevelt im Rahmen des von ihm ab 1933 aufgelegten Gesellschaftsvertrags, dem New Deal, über die Medien in die Öffentlichkeit zu lancieren. Die Aufnahmen von anerkannten Fotografinnen und Fotografen wie Dorothea Lange, Margaret Bourke-White und Ben Shan oder Walker Evans halfen, das Elend der unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise und einer Dürreperiode leidenden Farmern der Öffentlichkeit zu vermitteln und Verständnis für die staatliche Unterstützung herzustellen. Seit den 1980er Jahren wurde das Konzept einer thematisch eingegrenzten Projektvergabe auch im Bereich einer sich künstlerisch auffassenden Dokumentarfotografie praktiziert. Die Kombination visueller Erfassung und individueller fotografischer Handschrift führt zu Ergebnissen, die subjektive Sichten auf die Welt in der Formsprache des fotografischen Dokuments formulieren. So wurden in den USA zum 200. Jubiläumsjahr der amerikanischen Verfassung vom Seagram Unternehmen Fotografinnen und Fotografen beauftragt, Gerichtsgebäude in den USA zu dokumentieren. Die 1978 erschienene Publikation "Court House – A Photographic Document" vereint Sehweisen von vierundzwanzig Fotografinnen und Fotografen auf das Symbol der Rechtsprechung der jungen Demokratie Amerikas. In Frankreich wurde 1983 die staatliche Mission Photographique de la DATAR gestartet, in dem von 1984 bis 1988 dreißig Fotografinnen und Fotografen aus Europa eingeladen wurden, "Ansichten der Landschaft Frankreichs, zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Geschichte" zu erarbeiten. In Deutschland hat Ute Eskildsen, Leiterin der Fotografischen Sammlung im Museum Folkwang, mit "Endlich so wie überall?" 1987 das Ergebnis einer Kommission an Fotografinnen und Fotografen präsentiert, die sich den Veränderungen des Ruhrgebiets widmete. Von 1987 bis 1992 hat das Siemens Art Programm im Rahmen des Siemens Fotoprojekts siebzehn deutschen Fotografinnen und Fotografen "einen Auftrag zum Selbstauftrag" erteilt und ging damit der Frage nach, ob sich zeitgenössische Produktion jenseits der gängigen Standards einer angewandten Industriefotografie in Bilder darstellen ließe.
 
Neue Dimensionen der Fotografie
Andreas Gursky: Hamm, Bergwerk Ost, 2008 C-Print 307 x 224 cm   Copyright: Andreas Gursky / VG Bild-Kunst, Bonn 2010 Courtesy Monika   Sprüth / Philomene Magers Berlin LondonDie gängigen Standards sind seither schwer erschüttert und zu einer neuen Qualität geführt worden. Die Becher-Schüler, allen voran Andreas Gursky, Thomas Ruff, Thomas Struth und Axel Hütte führten ein großes Bildformat in die künstlerische Dokumentarfotografie ein. Damit holten sie die Fotografie auf die gleiche Bedeutungsebene wie die Malerei, wurden zugleich aber auch vielfach für die konsequente "Besetzung der Wand" von Fotohistorikern kritisiert. In Gurskys frühen Landschafts- aufnahmen, von denen viele im Ruhrgebiet entstanden sind und die in der Bildauffassung einer topografischen Fotografie folgen, widmet er sich dem Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung.
 
Jitka Hanzlová lebt in Essen und war mit ihrer neuen Arbeit hier vertreten. Ihre Bilder sind gleichermaßen durch Distanziertheit und Einfühlsamkeit geprägt. Ihr Gegenüber wird von der Fotografin immer als ebenbürtiger Partner verstanden, der psychologisierend und würdevoll dargestellt wird. Die Komposition ihrer Aufnahmen ist der Formensprache des klassischen Porträts und zugleich dem Schnappschuss verbunden. 
 
Das Interesse von Candida Höfer gilt von Anfang an dem öffentlichen Raum, wobei es sich dabei auch um Innenräume handeln kann. Bibliotheken, Vorlesungssäle, Foyers oder Museen werden von ihr in der Regel in menschenleeren Situationen abgebildet. Die Künstlerin beschäftigt sich seit nunmehr vier Jahrzehnten mit der Bedeutung des öffentlichen und privaten Raums. Mit ihrem Vorgehen, enzyklopädisch zu arbeiten, steht sie in der Tradition ihres Lehrers, entwickelt aber bei der formalen Umsetzung ihres künstlerischen Konzepts unterschiedliche Herangehensweisen und Präsentationsformen.
 
Elisabeth Neudörfl dagegen analysiert urbane Strukturen als Voraussetzung sozialen Verhaltens und verbindet so künstlerische Arbeit mit gesellschaftlicher Analyse. Die Fotografin hat unterschiedliche Präsentations- und Publikationsformen für ihre Arbeit entwickelt. Sie besteht aus Schwarzweiß- oder Farbaufnahmen, die oft zu Bildabläufen arrangiert werden und so die Grenzen und Eigenheiten des verwendeten Mediums mitreflektieren.
 
Hans-Peter Feldmann arbeitet sei 1968 konzeptuell mit Fotografie. Für seine Arbeiten verwendet er gefundenes fotografisches Material oder eigene Aufnahmen. Diese arrangiert er zu Serien, die er in selbstverlegten Heften und Büchern veröffentlicht. Feldmann hat in seinem Werk ein Repertoire alltäglicher Dinge und Handlungen zusammengestellt und bewegt sich am Rande des herkömmlichen Kunstbetriebs, weil er seine Werke grundsätzlich nicht signiert und ihre Auflage nicht begrenzt. Feldmann, der zweimal an der documenta teilnahm, war mit seiner künstlerischen Strategie der Aneignungskunst Pionier und hat mehrere Generationen jüngerer Künstler beeinflusst. In seiner umfangreichen Retrospektive in der Fundacio Tapies, Madrid und dem Museum Ludwig Köln zeigte er mit Installationen, gefundenen Objekten, fiktiven Korrespondenzen, Scherenschnitten, Fotoarbeiten, Postern, Postkarten, Alben und Büchern die Spannweite seiner künstlerischen Produktion.

"Ruhrblicke"

24. April - 24. Oktober 2010
 
Sanaa-Gebäude
Gelsenkirchener Str. 209
45309 Essen