Es surrte und brummte im HMKV.Gibt es Geister im Radio oder Fernsehen, die geheime Botschaften aus dem Jenseits zu uns funken? Kann Technik das Übernatürliche sichtbar oder gar greifbar machen? Sind die modernen Medien das Ende von Spukgeschichten oder der Anfang? Eines vorweg: Die Ausstellung "Wach sind nur die Geister - Über Gespenster und ihre Medien" war eine Technikschlacht im Halbdunkel. Geister waren keineswegs anwesend, doch hätte man diese mit den obskuren Apparaturen und Installationen bestimmt heraufbeschwören können – wenn man nur lang genug hinschaut oder hinhört hätte. Dabei verlangte die Ausstellung dem Besucher so allerhand ab: neben einer Spur technischem Verständnis stand hier Verrücktheit und der Glaube an was auch immer auf dem Prüfstand. Fotografie und Aura-Fotografie, Elektrik und Elektronik, Radiowellen, Schneebilder auf Monitoren, gezeichnete Verschwörungstheorien und gemalte Horrorszenarien von 22 Künstlern aus Europa und den USA begaben sich auf die Suche nach der Welt hinter der Realität – und erzeugten dabei eine skurrile Geräuschkulisse. Zusammen mit der eher düsteren Aus- stellungsarchitektur, abgedunkelte bis schwarze Räume, Nischen und Ecken standen dabei im Kontrast zu der großen Industriehalle mit ihren violetten Stellwänden, fand man sich in einer surrealen Umgebung mit geisterhaftem Einschlag wieder.
Dabei begann die Ausstellung mit dem spätestens seit den "Big Brother"-Nachtaufnahmen bekannten Phänomen der leuchtenden Augen in absoluter Dunkelheit; das Foto von vier Kindern in einem Bett wurde zum Plakatmotiv zu "Wach sind nur die Geister". Kathrin Günter geht in ihrer Arbeit allerdings noch einen Schritt weiter und macht mittels einer selbst konstruierten Polaroidkamera und einer mobilen Dunkelkammer Restlichtbestände im menschlichen Auge sichtbar. Ihre "Intraokulare Lichtfotokamera" konnten sich Besucher über den Kopf streifen und nach dem Rundgang durch die "Geister"-Schau die in ihren Augen gespeicherten Bilder auf Fotopapier festhalten. Von der gezeigten Dunkelheit ins grelle Licht: Jan-Peter E.R. Sonntag brachte totales Grün, so wie die letzten Strahlen der Sonne, die man in seltenen Momenten auf hoher See beobachten kann, mit seiner multimedialen Installation "GAMMAvert #2 – an X-sea-scap" in die PHOENIX Halle. Aus einem rein-weißen Raum, in dessen Mitte eine Stehlampe für die unnatürliche Beleuchtung sorgte, Strippen und Geräte in eine Ecke verbannt wurden und in einer fast vernachlässigten Ecke ein "Seestück" im XXS-Format mit Detektor baumelte, wurde ein unwirklicher, fast menschenfeindlicher Ort. Dagegen wirkte die Arbeit "Hexen 2039" von Suzanne Treister beinahe handfest und erinnerte in Stil und Ausmaß an das automatische Schreiben der Surrealisten. In mehreren großformatigen Zeichnungen wurden hier aus bruchstückhaften Beobachtungen gigantische Netze von Zusammenhängen entwickelt, die jede Verschwörungstheorie in den Schatten stellt. Da funkt der Sendemast auf dem Brocken im Harz Botschaften aus dem DDR-Zeitalter bis nach Hollywood, wo der Löwe von Metro Goldwyn Mayer brüllt. Ebenfalls spannend wie befremdlich die "Aurakonserven": Die fotografischen Gegenüberstellungen von Brechts Arbeitszimmer oder Honeckers Büro mit den Sichtbar- machungen der Aura, die den historisch aufgeladenen Raum jeweils innewohnen soll. Gar nicht soweit ging Corinne May Botz mit ihren "Haunted Houses", einer Fotoserie, die allein den Besuch der Ausstellung "Wach sind nur die Geister" lohnte. In 45 Fotografien werden Orte gezeigt, von denen behauptet wird, dass es dort spukt, Geister ihr Unwesen treiben. Da sah man leere Dachböden, unheimliche Kellerräume, verranzte Treppenhäuser ebenso wie aber auch plüschig eingerichtete Wohnzimmer, in die repräsentativ und stimmungsvoll das Tageslicht einströmt. Blieb für den Betrachter hier der Horror verborgen, wurde er in den Arbeiten von Damien Cadio und Agnès Geoffray des zutiefst Unheimlichen im Alltag offensichtlich. Medien? Kunst? Medienkunst?
Neben den rein künstlerischen Arbeiten nahm der Bereich Technik einen großen Raum in der Ausstellung ein. Arbeiten wie "Radio Havana/Radio Marti", die der Klangkünstler Tim Hecker für "Wach sind nur die Geister" konzipierte, stellten für den ruhigen Besucher beinahe eine Bedrohung seiner Wahrnehmung dar. Während hier aus zwei Stereoanlagen Aufnahmen des staatlichen kubanischen Radiosenden Radio Havana mit Aufnahmen des aus Miami sendenden Anti-Castro-Senders Radio Marti zeitgleich abgespielt wurden, kombinierte der Künstler Scanner in seiner Klangarbeit "Phantom Signals, Shadows and Sensibility" Aufnahmen eines Mediums, das mit der Schriftstellerin Jane Austin kommuniziert, mit kaum verständlichen Stimmen, die der Künstler auf seinem Mobiltelefon vorfand und den Besucher schlicht und ergreifend an den Rand seiner Wahrnehmungsleistung brachte. Joep van Lieflands "Donald Judd Faces Of Death" hingegen forderte das Auge des Betrachters hinaus. Ein stark vergrößertes Bild eines Fernsehschneebildes diente als Projektionsfläche bzw. Leinwand für Verborgenes und vergisst dabei, dass jede Raufasertapete, starrt man nur lang genug darauf, Unglaubliches zu offenbaren vermag. "Wach sind nur die Geister" - Über Gespenster und ihre Medien16. Mai – 18. Oktober 2009
PHOENIX Halle Dortmund Hochofenstr. / Ecke Rombergstr. Dortmund-Hörde |