HEISSE ZEITEN im Theater im Rathaus Essen
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RUHRBARONE-LESUNG

Erlebnisse, Mehrwertsteuer & Ballett.

Wenn die Ruhrbarone offline gehen, kann man sie nunmehr nicht mehr nur lesen. Zur Lesung am 11. Mai im Bochumer Rottstr.5 Theater gab es Texte von der Wattenscheider Schule, Stefan Laurin, Markus Franz, David Schraven und Martin Kaysh.
 
Bier und Bibel: Die Wattenscheider Schule in der Rottstr.5.Diejenigen, die kamen, dachten, es würde rappelvoll. Und so kamen sie früh. Und rauchten. In Grüppchen. Unter dem Bahndamm. Um halb Acht ging es dann los mit Bastian Schlange und Patrick Joswig. "Wir sind heute die Vorband. Nach uns kommen die alten Hasen." Die Wattenscheider Schule rauchte ebenfalls und zwar Kette. Dazu tranken die Vortragenden Bier bzw. Ballantines mit Wasser. Und sie lasen eine ganze Stunde: ihre skurrilen Erlebnisse auf dem Freakstock Festival in Borgentreich www.ruhrbarone.de/jesusfreaks. Dort waren sie als Reporter und Nichtfreaks unterwegs und trafen so allerhand merkwürdige … Jesus Freaks eben. Aber in der Geschichte geht es auch um Flip Flops, Mädels ohne BH und gepflegtes Abschädeln. Schlange und Joswig lasen mal emotionslos und dann wieder voller Inbrunst. Die im Text enthaltenen Stellen der "Volxbibel" und die projizierten Festivalfotos trugen zur Erheiterung der Zuhörer bei, die Geschichte an sich aber bereitete Kopfschütteln. Und damit gaben sie die Marschrichtung für den weiteren Abend vor: Absurditäten, wo man auch hin- oder wegschaut. Mit einer Ausnahme.

Nach einer (Raucher-)Pause an der frischen Luft war Ruhrbaron Nr. 1, Stefan Laurin, an der Reihe. Sichtlich nervös verrauchte seine Zigarette zwischen seinen Fingern. Der Mann, der gern die Textkeule schwingt und austeilt, überraschte an diesem Abend sein Publikum. Der Grund: eine Frau. Natürlich. Und diese sorgt dafür, dass er an dem einen Abend noch gemütlich beim Bier im Subrosa hängt, sich an dem anderen Tag im Ballett wiederfindet und es gar nicht so schlimm war wie befürchtet. Kein Zynismus, vielmehr eine fast lyrische Liebeserklärung. Großer Applaus.

Stefan Laurin und sein Text: Auf keinen Fall 'für'n Arsch'!Auch Markus Franz holte zunächst nicht die Keule raus. Die Auswahl der Texte aus seinem Buch "Mondfahrten. Reisen in die Seele eines unterbelichteten Planeten namens USA" beginnen erst noch irgendwie amüsant mit einer kleinen Rechnung: Bei 6 % Mehrwertsteuer kann man keine intakten Bürgersteige erwarten. Dabei ging dann aber doch nicht um Mathematik sondern die USA als Dritte Welt-Land und wie viel ein Menschenleben Wert ist. Nach und nach wurde es still im kleinen Rottstr.5 Theater. Von zu tief hängenden Ästen in Washington D.C. bis zu den inzwischen trockenen Straßen in New Orleans – viereinhalb Jahre nach dem Hurricane Katrina. Da war sie, die erwartete Keule. 

Doch es kam härter, noch mehr Realität. Von um die Ecke. David Schraven musste erst ein paar kleine technische Probleme beseitigen lassen und las dann, illustriert mit Polizeifotos, über das Martyrium des Andreas M. in einer Wohnung an der Herner Straße www.ruhrbarone.de/ein-blick-in-den-abgrund-des-ruhrgebietes. Sowohl die Beschreibung der kargen Behausung des arbeitslosen Skinheads Ralph K. als auch die fast detaillierten Vorkommnisse während der dort stattgefundenen Prügelparty waren nicht nur beklemmend, sie ließen die Zuhörer erschaudern. Dieser Text von Dezember 2008 hat es in sich. Mehr noch: Schraven las beinahe behördlich als handele es sich um einen bloßen Polizeibericht. Und dann erfuhr das Publikum, dass einer der verknackten Täter schon nach 2 Jahren aus der Haft entlassen wurde und „in dieser Straße lebt“, Schraven zeigte in Richtung Rottstraße/Westring.

Die Kurve aus dem emotionalen Keller kratzte zum Schluss und zum Glück Martin Kaysh. „Ich bin ja kein Journalist, ich schreibe ja auch ganz anders.“ Als wolle er sich vorab schon einmal entschuldigen, begann er seine Ausführungen über das Hertener Tourismusbüro auf dem Gelände der Zeche Ewald und andere Kuriositäten in dieser kleinen Stadt, die fast so scheiße ist wie Gladbeck www.ruhrbarone.de/auf-zum-griechenriechen-%E2%80%93-tourismusknaller-im-nordlichen-revier. Kaysh holte die Zuhörer zurück. Als Entertainer hatte er die Lacher auf seiner Seite. Die Art seiner Beobachtungen und wie er einem banalen Vorkommnis "12:37 Uhr. Radfahrer von rechts nach links" etwas Humoriges abgewinnen kann, sind derart erfrischend, dass man ihn nun gerne durch all die Castrop-Rauxels, Marls oder Dorstens schicken möchte.

Um kurz vor 10 war dann Schluss, der Nachbar will es so. Wahrscheinlich sind die Lesenden und die Gäste noch im Intershop versackt. Wie immer, wenn es in Bochum einen gelungenen Abend zu besiegeln gibt.
 

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