| JUICY BEATS 2010 |
Mach die Mukke wieder an, ich will zappeln!!!Im Dortmunder Westfalenpark wurde wieder mal nach dem Weg gefragt: Wo geht's denn hier zur Kirsche/Orange/Sternfrucht? Jeder Bühne wurde eine Frucht zugeordnet und bei 21 Floors und Stages hatte man den ganz großen Beat-Salat. Unter den 60 DJs und 40 Bands gab es zwischen dem frühen Nachmittag und der späten Nacht einige Rosinen, die es rauszupicken galt. Von M. Leifhold Lockten die ersten Ausgaben des Fruchtcocktails die Besucher noch mit Ausdrücken wie House und Drum'n'Bass in die Parkanlage, so fielen diese Genrebezeichnungen in den letzten Jahren unter irgendeinen Tisch. Mittlerweile sind auf den Plakaten nur die statistischen Eckdaten des Events zu finden: Viel Musik auf vielen Bühnen. In diversen Netzwerken heißt es in der Selbstbeschreibung des Festivals: "alternative, electronic, electro, pop, indie" und bestimmt noch vieles mehr. Wenn vor Jahren noch die unterschiedlichsten Ausprägungen der elektronischen Tanzmusik präsentiert werden sollten, so bleibt bei der fünfzehnten Ausgabe wohl nur die elektrische Verstärkung der Gruppen und Künstler als gemeinsamer Nenner übrig. Anders lassen sich Hip Hopper, Gitarrenbands, Laptop-Künstler, Vinyl- oder CD-Jockeys und sogar Poetry-Slammer nicht unter einen Sonnenhut bringen.Lieber Ego als Toco. Keine Aufwärmphase: Von Null auf Hundertachtzig beschleunigten zwei Bands des Hamburger Audiolith-Labels die Wiese am Sonnensegel. Egotronic würzten ihren Mix aus brachialen Bass-Sounds und schnellen Beats mit sloganartigem Gesang. Anweisung: "Durchdrehen!" Ihr Publikum war begeistert. Auch bei ihren Ansagen zwischen den Songs rannten die drei Egos offene Türen ein. Ihr Protest richtete sich gegen Veröffentlichungen einer Ex-Tagesschau-Tusse, die die Feierwilligen der Loveparade mit dem biblischen Sündenpfuhl Sodom & Gomorrha gleichsetzte; doch von den Künstlern wird den Konservativen keine Deutungshoheit über Events der zeitgenössischen Kultur zugestanden. So reihen sich die Egotronics wohl gut überlegt in die Geschichte der deutschen Eltern-Schreck-Gruppen ein, wenn sie Teile des Ärzte-Klassikers "Zu spät" neu bearbeiten. Die zweite Audiolith-Band Frittenbude blieb mit dem bei Egotronic geliehenen Schlachtruf "Raven gegen Deutschland" mit ihrer Kritik zwar unspezifisch. Aber auch ihre Forderungen hatten Mitgrölqualitäten: mal praktisch-politisch ("Ball die Faust, geh' demonstrieren"), mal obsolet-aktuell ("Heute gibt's nur einmal"), oder futuristisch-selbstvergewissernd ("Das ist Kunst – mindestens in 1.000 Jahren"). Auch die Frittenbude hatte die Bearbeitung eines Klassiker im Gepäck: Im Song "Hildegard" "solls heute Acid regnen" und die Welt "sich bunter gestalten". Die Knef konnte in den 50er Jahren mit einer kurzen Nacktszene (in "Die Sünderin") noch einen Skandal herbeiführen, die Frittenbude trifft mit ihrem Drogenverweis zumindest bei den Fans vor der Bühne auf keinen Widerspruch mehr. An einem weiteren Themenspektrum arbeitete sich die beste Band auf der Hauptbühne ab: Die Hip Hopper von Blumentopf quasselten über alles, was den gemeinen Festivalbesucher interessieren könnte: Dies und das und die Liebe und natürlich auch Fußball. In einem Freestyle wurden erst die Schalker gegen die Dortmunder ausgespielt, dann die Bochumer gegrüßt, um schließlich die Vereine der Blumentopf-Heimatregion München zu verhandeln und die 1860er kam weit aus besser weg als der "großkopferte" Lokalrivale.
Die Ereignisse bei der Loveparade in Duisburg hatten neben den Wellenbrechern vor der Hauptbühne und den Egotronic-Kommentaren noch einige weitere Auswirkungen: Die angekündigte Schweigeminute überraschte uns bei einer Erholungspause auf der "Chill-Out"-Wiese. Die plötzliche Stille nach mehreren Stunden Konzert-Lautstärke hatte schon einen beruhigenden Effekt. Andächtige Stimmung kam aber nicht auf, womit eigentlich auch nicht zu rechnen war. Für Beileidsbekundungen gab es im Westfalenpark im Eingangsbereich eine Kondolenz-Stellwand und diverse Public-Trauer-Veranstaltungen und -Übertragungen am Vormittag. Die verordnete Stille wurde dementsprechend auch von Partywilligen gebrochen, denen der Sinn nicht nach Trauern stand: "Mach die Mukke wieder an, ich will zappeln!"-Rufe konnten jedoch auch nicht als Meinungsäußerungen stehengelassen werden. Es fand sich noch immer eine Antwort, die genauso lautstark pietätvolle Ruhe einforderte, dies nur etwas anders ausdrückte. Beispiel: "Halt die Fresse, Du A*!?!*x*+!"
Die zweite Konsequenz waren die neuen Absperrungen an der kleinen Bühne am Grillplatz Buschmühle: Zuschauer wurden nach zu starkem Andrang nicht mehr zur Ananas-Bühne gelassen. Einer der Top Acts der 15. Juicys Beats, Die Sterne, hätte mehr Zuschauer verdient, viele verfolgten Hits wie den "Universaltellerwäscher" ohne einen Blick auf die Band werfen zu können. Aber auch die Zuschauer vor der Bühne hatten keine Antwort auf die Frage der Hamburger: "Was hat Dich bloß so runiniert?"
Nachdem die Konzerte nach 22 Uhr geendet hatten und viele Besucher zu den Ausgängen strömten, ging im schummrig beleuchteten Park die Party weiter. Ein Highlight war Acid Pauli, vielen eher bekannt als Martin Gretschmann, der unter dem Namen Console Platten veröffentlicht oder als Soundtüftler und Wii-Contoller-Schwinger bei The Notwist dem Indierock die Elektronik nahe gebracht hat. Sein stampfender Techno holte nicht nur die letzten Energiereserven aus den Festivalgängern heraus, sondern setzte den um diese Uhrzeit nicht mehr gepflegten Rasen dem ultimativen Belastungstest aus. Die Flora des Westfalenparks hat nun ein Jahr zur Regeneration. Es sei ihr gegönnt.
Bilder von den Juicy Beats 2010 gibt es in unserer Fotogalerie ... |


Lockten die ersten Ausgaben des Fruchtcocktails die Besucher noch mit Ausdrücken wie House und Drum'n'Bass in die Parkanlage, so fielen diese Genrebezeichnungen in den letzten Jahren unter irgendeinen Tisch. Mittlerweile sind auf den Plakaten nur die statistischen Eckdaten des Events zu finden: Viel Musik auf vielen Bühnen. In diversen Netzwerken heißt es in der Selbstbeschreibung des Festivals: "alternative, electronic, electro, pop, indie" und bestimmt noch vieles mehr. Wenn vor Jahren noch die unterschiedlichsten Ausprägungen der elektronischen Tanzmusik präsentiert werden sollten, so bleibt bei der fünfzehnten Ausgabe wohl nur die elektrische Verstärkung der Gruppen und Künstler als gemeinsamer Nenner übrig. Anders lassen sich Hip Hopper, Gitarrenbands, Laptop-Künstler, Vinyl- oder CD-Jockeys und sogar Poetry-Slammer nicht unter einen Sonnenhut bringen.
Die Juicy Beats sind auch immer eine gute Adresse um sich über neue Musik aus der Region zu informieren. Bestes Beispiel: die Formation Emma aus Essen. Die stark geschminkte Rapperin/Sängerin und ihr Laptop-Musiker boten eine gute Show mit schnellen Beats, exaltiertem Getanze und wunderbar einfachen Reimen: "Hahaha – I'm a fucking star", mehr musste nicht gesagt werden.
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